CODIT Prinzip: Wie Bäume mit Verletzungen umgehen
Bäume können viele Jahrhunderte, teils sogar Jahrtausende alt werden. Sie gehören zu den größten und ältesten Lebewesen der Erde. In dieser Zeit sind sie ständig Umwelteinflüssen ausgesetzt und erleiden immer wieder Schäden, etwa durch Stürme, Schnittmaßnahmen oder Pilzbefall.
Eine Besonderheit: Sie sind ein Leben lang fest mit ihrem Standort verwurzelt. Veränderungen der Umwelt sowie extreme Bedingungen wie Hitze, Trockenheit oder Kälte müssen sie ohne Ausweichmöglichkeit ertragen.
Doch wie reagieren sie auf solche Belastungen und dadurch entstehende Verletzungen? Lange Zeit orientierte sich die Baumpflege an Konzepten aus der Human- und Tiermedizin. Wunden wurden gereinigt und teilweise desinfiziert. Erst später wurden die Reaktionen von Bäumen auf Verletzungen systematisch untersucht.
In den 1970er und 1980er Jahren beschäftigte sich der amerikanische Forstpathologe Alex Shigo intensiv mit diesem Thema. Gemeinsam mit seinem Kollegen Marx entwickelte er ein dreidimensionales Modell, das sogenannte CODIT-Modell (Compartmentalization of Decay in Trees; dt.: Abschottung von Fäule in Bäumen). Es beschreibt die Fähigkeit von Bäumen, Schäden und Fäulen räumlich zu begrenzen. Grundlage des Modells sind vier Phasen. Nach Shigo bildet der Baum nach Verletzung „Kompartimente“ oder „Wände“ genannt. Innerhalb dieser reagiert er unterschiedlich.
Nach Shigo bildet der Baum zwei Arten von Schutzbarrieren:
Die erste umfasst die Wände 1 bis 3, die zweite besteht aus Wand 4.
Wand 1:
Diese Barriere wirkt entlang der Leitgefäße im Holz. Sie begrenzt die Ausbreitung von Schadorganismen in Längsrichtung, indem Gefäße verschlossen werden. Ihre Schutzwirkung ist vergleichsweise gering, da die Leitfunktion des Holzes möglichst erhalten bleiben muss.
Wand 2:
Diese Wand begrenzt die Ausbreitung quer zu den Jahrringen. Dichtere Strukturen innerhalb der Jahrringe wirken dabei als natürliche Barriere.
Wand 3:
Sie verhindert die Ausbreitung entlang der Jahresringe, also in tangentialer Richtung. Dabei spielen die Holzstrahlen eine wichtige Rolle. Zum Zeitpunkt der Verletzung ist dies die stärkste der drei vorhandenen Wände.
Wand 4:
Diese Barriere entsteht erst nach der Verletzung. Es wird neues Wachstumsgewebe gebildet, das die geschädigte Stelle überwallt. Gleichzeitig entsteht eine sogenannte Barrierezone, die das alte, geschädigte Holz vom neu gebildeten Gewebe trennt. Diese Wand ist die effektivste Schutzmaßnahme des Baumes.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Reaktion auf eine Verwundung je nach Wundgröße, Jahreszeit und Baumart unterschiedlich ausfallen kann. Das 4-Phasen Prinzip mit Abschottung und Überwallung ist aber stets zu erkennen.
